Spielemesse 2014 in Essen – Äußerliche Ähnlichkeiten und innere Reichtümer

Viele der bisher veröffentlichten Berichte über die „Spiel ’13“ in Essen... – Moment mal! Das ist ja mein Artikel vom letzten Jahr! Hmm, aber könnte man den nicht auch nehmen? Einfach immer „13“ durch „14“ austauschen und das Ganze dann Messebericht Deluxe oder Messebericht Pocket nennen. Oder ins alte Ägypten verlegen. Ja, schon gut, dann eben nicht, war nur ne Idee. Aber einen neuen Einstieg denke ich mir jetzt nicht extra aus.

Einige der normaler aussehenden Besucher von Halle 2

Wenn wir schon gerade bei holprigen Einstiegen sind: Dieses Jahr dürfen wir noch vor der Ankunft auf dem Messegelände gegen Samstagmittag an einem ganz exklusiven Spiel mit echtem Tetris-Flair teilnehmen. Das Ziel lautet, möglichst viele von hunderten auf dem P+R-Parkplatz wartenden Besuchern in kleine, alle 20 Minuten fahrende Shuttlebusse hineinzuquetschen. Leider sind wir nicht sehr gut darin, sodass wir erst nach einer Stunde endlich am Westeingang ankommen, doch für einen solchen Spaß würden wir jederzeit wieder 5 Euro investieren. Vielleicht ist es aber auch einfach nur die gerechte Strafe des Spielegottes, weil wir nicht wie jeder anständige Geek am Donnerstagmorgen Punkt zehn auf der Matte gestanden und die gesamten vier Tage vom 16. bis 19. Oktober durchgezockt haben.

Glücklicherweise können wir die verlorene Zeit schnell wieder aufholen, da wir uns in den leicht unterscheidbaren Messehallen gut zurechtfinden: Besonders markant sticht die Nerdhalle 2 hervor, wo sich zwischen Comics, Rollenspielen, Horrorartikeln und Mittelaltergedöns allerlei illustre Gestalten tummeln. Den Gegenpol stellt zweifellos die jenseits der Galerie gelegene Selbstfindungshalle 4 dar, eine Oase der Ruhe und des Friedens, voller Exotik, Esoterik und alternativem Holzspielzeug. Lediglich die aggressive Männersportart Schach passt hier nicht so recht ins Bild und stört sicherlich so manche positive Schwingung.

Für Halle 1 bietet sich eigentlich die Bezeichnung „Verkaufshalle“ an, aber was bleibt dann für Halle 3 übrig? Ach, und überhaupt sollte sich einmal ein investigativer Journalist um die Frage kümmern, warum die Preise an fast allen Ständen identisch und zudem nur selten günstiger als im Internet sind. Ob da das machthungrige Spielekartell seine Finger im Spiel hat? Da wir leider keine investigativen Journalisten sind, beschränken wir uns statt dessen auf ein psychologisches Experiment und schicken eine kleine, süße Chinesin mit Heidelbären-Shirt zu eben jenen Heidelbären, um den Preis für den Ringkrieg-Ableger „Die Schlacht der fünf Heere“ herunterzudrücken. Danke an Chen, der besten Freundin und einzigen Leserin des Boardhunter-Blogs, die ihrem knallharten Verhandlungspartner immerhin einen 55-Euro-Kompromiss abringen kann. Kein Wunder, dass die Asiaten die Weltwirtschaft übernehmen.

Feuerdrachen: Nicht nur Rubine sammeln, sondern auch ganz klischeefrei fremde Kulturen kennenlernen

Auf der Messe zeigt sich allerdings auch die kulturelle Überlegenheit des Westens: Während die Chinesen bekanntlich alles Fremde raubkopieren, verhalten sich die Europäer zivilisierter und kopieren nur sich selbst. Da werden altbekannte Spiele zu Pocket-Versionen verkleinert oder zu Geek-Editionen vergrößert, und falls es gar nichts zu ändern gibt, malt man zur Not eben ein paar Bildchen neu und nennt das Ganze dann „Deluxe“. Lediglich Kosmos lässt sich dieses Jahr doch tatsächlich die Chance entgehen, zum baldigen Kinostart des letzten Hobbit-Movies nun noch ein drittes identisches „Spiel zum Film“ zu veröffentlichen. Na ja, ist ja auch nicht von Klaus Teuber. Auf dessen Autogrammstunde wir übrigens dieses Mal wegen des Bahnstreiks verzichten müssen. Offensichtlich sind auch den Lokführern die Spiele zu teuer.

Nachdem wir das Finanzielle ausgiebig abgehandelt haben, kommen wir nun zu den Nebenthemen. Spiele und so. Beispielsweise lehrt uns der Selbstfindungsklassiker „Tokaido“ (allerdings nicht in der Selbstfindungshalle, sondern am Stand von Funforge zu finden), dass die wahren Schätze im Innern des Menschen liegen. Also in seinem Magen. Und natürlich in erhebenden Erfahrungen. Oder heißt das Spiel „Takenoko“? Nee, Quatsch, da geht’s um nen Panda, der Bambus frisst. Bei „Tokaido“ hingegen bewegen sich bis zu fünf Spieler auf der gleichnamigen altjapanischen Straße (Achtung, Metapher! Hier ist der Lebensweg des Individuums gemeint!), um Städte, Landschaften, heiße Quellen und diverse Gaumenfreuden zu erkunden – und für all das noch Siegpunkte zu kassieren. Erfreut nehmen wir in unserer Testrunde zur Kenntnis, dass sich auch hier die gängigen Strategien aus dem wahren Leben bezahlt machen: so viel wie möglich mitnehmen, aber ja nichts dem Tempel spenden.

 
Tokaido: Die Spielfiguren treffen sich gerade zum Mittagessen

Etwas materialistischer geht es in „Splendor“ zu, wo wir funkelnde Edelsteine sammeln und damit Minen und Karawanen finanzieren, die uns noch mehr funkelnde Edelsteine einbringen. Wer mit den farblich passenden Chips eine der offen ausliegenden Entwicklungskarten kauft, gewinnt dadurch weitere Zahlungsmittel und später auch Siegpunkte hinzu – doch der schönste Lohn ist ohnehin das Gesicht des Mitspielers, dem man im letzten Moment die begehrte Karte vor der Nase wegschnappt. Während unserer Partie werde ich für solche Demütigungen immerhin durch nostalgische Erinnerungen an das noch fiesere und noch kapitalistischere Kindheitsspiel „Cash“ entschädigt, das vor allem mit der klischeefreien Darstellung von Baguette-Franzosen und Regenschirm-Engländern mein Weltbild entscheidend geprägt hat.

Dass es im Diamantenhandel ohnehin nur um Peanuts geht, erfahren wir spätestens bei einer Demorunde von „Imperialism“, wo wir ganze Großreiche der frühen Neuzeit verwalten müssen. Die von mir geführten Franzosen starten zwar historisch korrekt mit einem zusätzlichen Schinken, verlieren aber bald Louisiana an das osmanische Reich. Da dieser offenkundige Fehler unmöglich auf spielerischen Mängeln meinerseits beruhen kann, muss in den Testrunden des zuständigen Verlags G3 wohl einiges schief gelaufen sein. Insgesamt fühlen wir uns auf Grund des Themas und der Fülle von Karten und Markern ein wenig an „Im Wandel der Zeiten“ erinnert, doch können wir in unserer Gruppe keine Einigkeit darüber erzielen, ob das nun gut oder schlecht sein soll.

Auch bei altbekannten Spielen schauen wir vorbei, und für einen Moment kommen wir in Versuchung, uns bei den Heidelbären das bisher unveröffentlichte Nin-in-Eilph-Pack des Herr-der-Ringe-LCG zu greifen und mit dem Verlinken von Spoilern unserem Blog weltweite Bekanntheit zu verschaffen. Der Haken an diesem Plan: Wir müssten tatsächlich die deutsche Version kaufen, und dafür sitzt der ‚Übersetzungs’-Schock der Gondor- und der ersten Hobbit-Erweiterung dann doch noch zu tief.

Offensichtlich hat die Spielemesse abgefärbt, ich beginne nun auch, mich selbst zu kopieren, immer dasselbe arrogante Herumgehacke auf den armen, hart arbeitenden Verlagen. Daher schalte ich nun abschließend in den Harmoniemodus und bekunde öffentlich, dass wir Boardhunter unbezahlbare und bezahlbare Erfahrungen von der diesjährigen „Spiel“ mit nach Hause genommen haben und beim nächsten Mal sicher wieder mit von der Partie sein werden. Vielleicht sogar schon ein paar Tage früher. Denn auf eine Pocket-Version des Tetris-Shuttlebus-Spiels verzichten wir dann doch lieber.

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