The Lord of the Rings LCG – The Black Riders: Schleichen und Verstecken für Anfänger

Wer auf thematische Stimmigkeit keinen großen Wert legt, kann mit dem Herr-der-Ringe-Kartenspiel wunderbaren Schabernack treiben: Besonders viel Spaß macht es, mit einer Adlerarmee in den Minen von Moria einzufliegen und dort Balin sein eigenes Grab entdecken zu lassen. Für all jene, denen dies doch zu sehr nach Lynch und zu wenig nach Tolkien klingt, hat Fantasy Flight Games die sogenannten Saga-Erweiterungen erfunden, deren Szenarien sich eng an die Handlung der Buchvorlagen anlehnen.

Nach dem im Februar abgeschlossenen „Hobbit“-Zweiteiler können die Mittelerde-Freaks zukünftig den Spuren Frodo Beutlins folgen und seinen Weg vom Auenland zum Schicksalsberg nachspielen – den Auftakt zu dieser sechsteiligen Reihe bildet die kürzlich auch auf deutsch erschienene Box „The Black Riders“.

Frodo Beutlin
Wozu haben wir eigentlich Bill the Pony
mitgenommen, wenn man dann doch
alles selbst schleppen muss?

Natürlich lässt sich FFG nicht die Chance entgehen, mit einem solch wahrhaft epischen Thema neue Spieler anzulocken, die sich – nur mit Grundset bewaffnet – sofort in den Kampf gegen die schwarzen Reiter stürzen können. Elegant lösen die Designer das hiermit verbundene Problem, den Schwierigkeitsgrad der Szenarien sowohl auf Anfänger mit noch eingeschränktem Kartenpool als auch auf Veteranen mit ausgereiften Decks abzustimmen: Zum einen kann der hier erstmals integrierte „Easy mode“ den Einstieg deutlich vereinfachen, da er besonders lästige Begegnungskarten aus dem jeweiligen Szenario entfernt und zusätzliche Ressourcen für einen schnelleren Start gewährt. Zum anderen bieten die hier enthaltenen Spielerkarten die Möglichkeit, ein nicht nur thematisch passendes, sondern auch konkurrenzfähiges Hobbit-Deck zusammenzustellen. Zwar ist ein solches Konzept bereits aus dem weitgehend aus Outlands-Charakteren bestehenden Adventure Pack „The Steward’s Fear“ sowie den beiden Zwerg-zentrierten Saga Expansions zum „Hobbit“ bekannt, doch geht die Black-Riders-Erweiterung noch einen Schritt weiter: Ihre drei Szenarien wirken wie maßgeschneidert für unsere pelzfüßigen Freunde aus dem Auenland.

Dies äußert sich teils trivial in Orten wie Beutelsend, dessen Erkundung eine Karte pro Hobbit-Helden einbringt, teils etwas subtiler: So weisen die meisten der hier vorkommenden Gegner einen vergleichsweise hohen Kampfbereitschaftswert auf, was dem Spielstil der trickreichen, unter dem Radar der Feinde hindurchschlüpfenden Hobbits entgegenkommt und viele starke Effekte ermöglicht. Daher ist auch Vorsicht geboten, wenn man Samweis und Co aus ihrer gewohnten Umgebung entfernt und in anderen Szenarien einsetzt, wo sie schon mal als zweites Frühstück für hungrige Tentakel oder durstiges Hafengesindel enden können. Jedoch bieten die früheren Erweiterungen zugleich einige Möglichkeiten zur Verbesserung dieses Decktyps, der beispielsweise sehr gut mit dem im Dwarrowdelf-Zyklus etablierten Secrecy-Konzept harmoniert.

Angesichts der erklärten Ausrichtung der Black-Riders-Box auf ein thematisch stimmiges Spielerlebnis überrascht es ein wenig, dass die Tolkien-Fanboys hier auf eine Begegnung ihrer Hobbits mit so markanten Orten wie dem Alten Wald und den Hügelgräberhöhen verzichten müssen. Designtechnisch lässt sich diese Entscheidung jedoch rechtfertigen, da sie Raum für die Entfaltung der nicht minder thematischen Hide-Mechanik im ersten Szenario schafft: Vergleichbar den Fluchtproben in „The Dead Marshes“ müssen sich die Helden vor den umherstreunenden Ringgeistern verstecken, sonst schlagen diese schnell und unbarmherzig zu. Ebenfalls anschaulich erzählt wird die darauf folgende Reise von Bree zur Wetterspitze – mit bekannten Orten und Figuren wie dem Tänzelnden Pony, den Mückenwassermooren, Lutz Farning und natürlich wieder den Nazgul, die sich bei unachtsamem Spiel immer zahlreicher erst im Begegnungsdeck und dann zum Showdown auf der Wetterspitze versammeln. Den Abschluss bildet die hektische Flucht zur Furt von Bruchtal, ähnlich wie „A Journey to Rhosgobel“ ein Wettlauf gegen die Zeit, die unerbittlich gegen den von einer Morgulklinge verwundeten Ringträger Frodo läuft.

Hier tritt zudem erstmals das Kampagnen-Konzept deutlicher hervor, das in Form von positiven und negativen Spezialkarten die Handlungen der Spieler dauerhaft – also mit Auswirkungen auf alle noch folgenden Erweiterungen – belohnt und bestraft. Während die ersten beiden Szenarien diese sogenannten „boons“ und „burdens“ unabhängig vom Spielverlauf am Ende pauschal verteilen, nötigt die Flucht zur Furt oftmals zur interessanten Entscheidung, ob ein kurzfristiger Vorteil wie die Verhinderung eines Angriffs mit einem langfristigen Nachteil, nämlich einer zusätzlichen Burden-Karte für alle weiteren Abenteuer, erkauft werden soll.

Wo der Elbenstein auftaucht, sind
Glorfindel und Asfaloth nicht fern -
im Buch wie im Kartenspiel.

Unabhängig vom sicherlich noch ausbaufähigen Kampagnenmodell beinhaltet die Saga-Erweiterung drei reizvolle und angemessen schwierige Szenarien; mit den starken Hobbit-Synergien werden sie selbst im Normal-Modus für Neueinsteiger bezwingbar, für Fortgeschrittene manchmal sogar etwas zu leicht. Im Gegensatz zur letzten Deluxe-Erweiterung „Heirs of Numenor“ fühlt man sich hier nicht wahllos von Gegnern überschwemmt, sondern steht immer wieder vor kritischen Entscheidungen mit maßgeblichem Einfluss auf den weiteren Spielverlauf. Dazu trägt auch der zusätzliche Held Frodo Beutlin bei, der mit Hilfe des Einen Ringes eben aufgedeckte Begegnungskarten zurück ins Deck mischen kann, aber dadurch unter Umständen noch schlimmere Effekte auslöst. Für solche Aktionen steht Frodo – immer unter Kontrolle des jeweiligen Startspielers – sogar ein eigener Ressourcenpool zur Verfügung, der jedoch (wie schon im Falle Bilbos aus den Hobbit-Saga-Erweiterungen) spielerisch nicht immer die Bedeutung besitzt, die er aus thematischer Sicht verdiente, und daher oftmals schlicht zum Ausspielen teurer neutraler Karten wie Gandalf genutzt wird.

Im Hinblick auf die Spielerkarten legt die Black-Riders-Erweiterung den Schwerpunkt auf die neue Hobbit-Mechanik, enthält aber zumindest mit dem Elf-Stone ein Attachment, das zweifellos auch in vielen anderen Decks seinen Platz finden wird. Man muss vielleicht sogar die Frage nach negativen Auswirkungen auf die Spielbalance stellen, wenn ein Beorn oder Gildor nur noch eine Ressource und ein wenig Planung kosten soll; das wirklich Bedenkliche an dieser Karte liegt aber darin, dass sie viel zu gut zu den ohnehin schon sehr starken No-brainern Geist-Glorfindel und Elrond passt: In einem Vilya-Deck herrscht im Regelfall kein Mangel an teuren Verbündeten, und mit Asfaloth lässt sich flexibel steuern, wer wann was ausspielen darf. Von Power-Creep kann man hier nur deswegen nicht sprechen, weil bereits einige Karten und Kombos des Grundsets wie Steward of Gondor oder Sneak Attack mit Gandalf ein recht eigenartiges Kosten-Nutzen-Verhältnis haben. Hier macht sich dann doch bemerkbar, dass das Herr-der-Ringe-LCG kein kompetitives Turnierspiel ist und die Balance der Spielerkarten nicht oberste Priorität besitzt.   

The Black Riders: Als unabhängige Saga-Erweiterung sicherlich kein Pflichtkauf, aber eine echte Bereicherung für all jene, denen viel an einem thematischen Spielerlebnis liegt oder die einen neuen, interessanten Deck-Typus kennenlernen wollen. Und natürlich für Nachwuchshobbits, die ihre Wanderung durch die gefährliche Welt des Herr-der-Ringe-LCG lieber im beschaulichen Auenland beginnen wollen.

"The Black Riders" von Caleb Grace und Matthew Newman (Erweiterung zu "The Lord of the Rings: The Card Game" von Nate French), 1 bis 4 Spieler, Fantasy Flight Games, 2013. Deutsche Fassung "Die Schwarzen Reiter" erschienen beim Heidelberger Spieleverlag, 2013.